Gerhard Proß von der Initiative "Gemeinsam für Europa" zu Ehe und Familie
Religions and family
Panel by the International Meeting in Barcelona October 2010
Sehr geehrte Damen und Herren,
seit vielen Jahren bin ich mit Andrea Riccardi und der Gemeinschaft St. `Egidio
durch die Bewegung „Miteinander für Europa“ verbunden. Mein Statement zum
Thema möchte ich aus Sicht der christlichen Bewegungen mit einem
protestantischen Background halten.
Das Thema Familie hat sich wie kein anderes Thema immer wieder wie ein roter
Faden durch die Großveranstaltungen Miteinander für Europa gezogen.
An keinem anderen Thema haben sich so viele Menschen beteiligt wie an diesem.
Das zeigt, wie sehr uns in Europa derzeit dieses Thema unter den Nägeln brennt
und so bin ich St. `Egidio dankbar, dass sie in diesem Jahr den Focus auf dieses
aktuelle Thema lenken.
Das Thema ist deshalb so aktuell, weil wir uns mitten in einem starken
Veränderungsprozess befinden. Das traditionelle Rollenverhalten von Mann und
Frau trägt nicht mehr. Die klassische Arbeitsteilung: Der Mann im Beruf, die
Frau zuhause bei den Kindern ist nicht mehr zukunftsfähig.
Frauen können sich nicht mehr vorstellen, auf ihre berufliche Verwirklichung zu
verzichten. Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist die große
Herausforderung.
Was gilt es in einer solchen Phase zu bewahren? Welche nötigen
Veränderungsschritte sind zu gehen? Welche Rolle spielt dabei der Glaube, die
Religion?
In einem solchen Veränderungsprozess sind Flexibilität und Stabilität
gleichzeitig gefragt. Es ist wie bei einem Fahrrad: Das Hinterrad fährt immer
nur geradeaus, das Vorderrad ist zum Lenken da. Stabilität und Flexibilität.
Spannend wird jedoch sofort die Frage, was gibt nun Stabilität und an welcher
Stelle braucht es Flexibilität, braucht es Veränderung.
Grundsätzlich gilt: Die Stabilität braucht es bei den Werten. Damit sind wir bei
der Rückbindung, bei der „Religion“. Hier spielt der Glaube eine entscheidende
Rolle.
Die Flexibilität ist bei den Formen und Methoden, bei Gestaltungsfragen etc.
gefragt. Wie passen die Überzeugungen in eine veränderte Zeit, in eine
veränderte Gesellschaft?
Zu Recht spüren viele religiös Praktizierende, dass sich in unserer Zeit nicht nur
die Formen ändern, sondern Werte über Bord geworfen werden.
Von welchen Werten geht an dieser Stelle jetzt der christliche Glaube aus?
Mit den jüdischen Glaubensgeschwistern verbindet uns die Heilige Schrift.
Der biblische Schöpfungsbericht spielt eine zentrale Rolle. Dort heißt es:
„Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn und er
schuf ihn als Mann und Frau. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid
fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und macht sie euch untertan …“ 1
Das Zueinander und Miteinander von Mann und Frau ist die Basis, aus der
heraus sich die Familie entwickelt.
1 Gen. 1,27 f
Der Auftrag zur Fruchtbarkeit ist ausdrücklich geboten und wesentlicher
Bestandteil der Ehe. Hier ist die Katholische Überzeugung wesentlich
ausgeprägter und schlägt sich in jeder Trauung nieder, während die
Evangelische Trauung auf einen Hinweis in diese Richtung verzichtet.
Die Familie als das Miteinander der Eltern mit den Kindern bildet die Keimzelle
unserer Gesellschaft, die Keimzelle auch jeder christlichen Kirche und
Gemeinschaft. In der Familie werden die wesentlichen Fundamente für die
Werteerziehung gelegt. In der Familie wird das Fundament gelegt für
Vertrauen und für den Glauben.
Die Familie auszuhöhlen bedeutet, die Gesellschaft ihres Fundamentes zu
berauben. Genau dies geschieht heute jedoch auf vielfältige Weise und deshalb
sind manche Entwicklungen so bedrohlich. Grundkoordinaten des Menschseins
sind infrage gestellt und wirken sich entsprechend aus
- Das Zueinader von Mann und Frau (Gender mainstreem)
- Die Fruchtbarkeit wird nicht mehr als Grundbeauftragung des Menschen
durch seinen Schöpfer betrachtet
- Die Balance der Grundkoordinaten zwischen Arbeit, Familie und Genuss
kommen in eine Schieflage
Längst haben wir in Europa die Folgen davon z.B. in der demografischen
Entwicklung festgestellt. Eine Gesellschaft, die sich dieser Grundwerte beraubt,
beraubt sich der Zukunft.
Die Grundtendenz: Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist absolut richtig. Die
Maßnahmen, die dafür ergriffen werden, weisen m.E. allerdings teilweise
deutlich in die falsche Richtung.
Wenn die deutsche Regierung die Elternzeit eingeführt hat, dann war das
einerseits ein Schritt in die richtige Richtung: Vater oder Mutter wird es
ermöglicht, sich im ersten Jahr ganz dem Kind zuzuwenden. Ich kenne viele
Familien, die dann auch die Vaterschaftsmonate wirklich für eine Familienzeit
nutzen und genießen.
Die damit verbundene Nebenwirkung oder Hauptaussage führt allerdings zu
fatalen Fehlentwicklungen: Nach einem Jahr gehört das Kind in die Krippe, die
adäquate Förderung durch das Elterngeld für ein 2. Kind und für weitere ist nur
dann gegeben, wenn die Berufstätigkeit wieder aufgenommen wurde.
Milliarden werden investiert in Kinderkrippen, aber die Eltern, die um ihrer
Kleinkinder willen zuhause bleiben erhalten keine adäquate Förderung (dabei
wären 300 € Erziehungsgeld für das 2. und 3. Lebensjahr des Kindes die weitaus
günstigere Lösung).
Dahinter steckten bei der Regierung – und bei der Opposition in noch höherem
Maße – ideologische Grundprinzipien. Die Balance zwischen Familie und Beruf
muss möglichst rasch zugunsten des Berufs gesetzt werden.
Welche Schäden diese Fehlentwicklung anrichten wird, davor warnen
Bindungsforscher schon heute (z.B. der Erziehungswissenschaftler und
Familientherapeut Prof. Wolfgang Bergmann). Für die intellektuelle
Entwicklung mag es nicht schaden, wenn die Kleinkinder sich schon früh aus
der Familie verabschieden müssen. Die Grundgeborgenheit und die
Bindungsfähigkeit dagegen werden erheblich beeinträchtigt.
Wenn ich unsere Gesellschaft betrachte, dann stelle ich fest, dass die Hoffnung
auf die Zukunft an vielen Stellen schwindet. Fehlende Kinder sind eine
fehlende Zukunft.
Gleichzeitig stelle ich fest, dass in christlichen Kreisen die Hoffung zuhause
ist. Religiös Praktizierende – um so die engagierten Christen zu benennen -
zeichnen sich häufig dadurch aus, dass sie
- mehr Kinder haben
- sich der Kindererziehung intensiver widmen – und dadurch für bestimmte
Zeiten durchaus auf die Berufstätigkeit eines Elternteils verzichten
- die Balance zwischen Familie und Beruf nicht einseitig zugunsten des
Berufs aufgeben
Ich bin überzeugt, dass in diesen Kreisen die Hoffnung zuhause ist, weil die
Zukunft nicht nur im Kommerz gesucht wird, oder in der Karriere, sondern
zuerst in den Beziehungen.
Diese Menschen wissen um den tieferen Sinn des Lebens, der die Arbeit und
eine gute Bezahlung natürlich nicht ausschließt.
Sie wissen um die tieferen Werte, und um das Glück und die Freude über ein
Kinderlachen, um gelingende Beziehungen etc.
Sie wissen natürlich auch um die Anstrengungen und die Kosten einer Familie,
um schlaflose Nächte, um Verzicht auf so manches. Und doch wissen sie, dass
das Leben mehr ist als Genuss. Sie wissen um den Wert des Teilens, der
Hingabe, der Liebe.
Martin Luther hat die Mutter einmal als die größte Heilige bezeichnet. Das war
eine Provokation in seiner Zeit. Aber er wollte damit zum Ausdruck bringen,
wie viel an Liebe und Hingabe eine Familie erfordern und welches Maß an
Lebenserfüllung gleichzeitig verheißen ist.
Der Zukunftsforscher Prof. Horst Opaschowski spricht von einer Aufwertung
der Familie. Er sagt: „Die Familie wird kein Auslaufmodell sein, sondern wieder
das Wichtigste im Leben werden- auch gerade für die junge Generation. Ich
prognostiziere einen zweiten „demografischen Wandel“ – und eine zweite
Generation von Babyboomer in spätestens 20 Jahren. Die heutigen 15-20
Jährigen werden dann als Mitt- und Enddreißiger mehr an eigenen Kindern als
an weiteren Steigerungen ihres Konsums und Lebensstandards interessiert sein.“
(soweit Horst Opaschowski).
Schon jetzt lässt sich für mich dieser Trend an vielen jungen Familien in den
christlichen Gemeinschaften und Bewegungen erkennen. Möge es ihnen
gelingen, dem Zeitgeist zu widerstehen und die nötige Zeit, Kraft, Liebe und
Hingabe schon jetzt in die Kinder und damit in unsere Zukunft zu investieren.
Möge es uns miteinander gelingen, für den Schutz der Ehe und Familie und
gegen deren Aushöhlung und Kommerzialisierung gemeinsam aufzustehen,
damit unsere Gesellschaft zukunftsfähig wird.
Gerhard Proß
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