G Ü N T E R  S E I B E R T

Offline unterwegs auf dem Camino 

Im Spätsommer 2019 pilgerte Günter Seibert 34 Tage über den Camino Francés, den Hauptweg des Jakobwegs. In einem Interview erzählt er von dieser 774-Kilometer-Reise, in der das Vertrauen auf Gott eine entscheidende Rolle gespielt hat. Das Gespräch führte Sonja Brocksieper.

 2019-09-23_11-12-10_GS_Camino.jpg Sonja: Was hat dich bewogen diese besondere Reise zu machen?
Günter: Vor circa neun Jahren habe ich Hape Kerkelings Buch „Ich bin dann mal weg“ gelesen. Damals hat mich der Gedanke, einfach mal ein paar Wochen dem Alltag zu entfliehen und nur mit dem Nötigsten im Rucksack unterwegs zu sein, fasziniert. Wandern, nur mit dem Fernziel Santiago de Compostela. Dazwischen nichts Vorgeplantes. Trotz dieser Faszination, die mich nie losgelassen hat, habe ich dieses Vorhaben nicht angepackt – habe es auf die Zeit nach meiner Pensionierung „verschoben“. Vieles machte mir auch irgendwie Angst und die hielt mich letztlich auch davon ab, mich aufzumachen.  Ich bin ein Mensch, der Sicherheit braucht, der immer alles genau plant und  keinen Spielraum für Scheitern oder Grenzerfahrungen lässt. Und da gab es vieles, was ich nicht einschätzen und nicht planen konnte. Als ich dann Silvester 2018 den Film zu dem Buch ansah, sagte mir eine innere Stimme: „Geh Deinen Camino – im nächsten Jahr!!!“ Ich wusste sofort, dass es Gott war, der sein okay dazu gab. Wenige Tage später hatte ich die Genehmigung meines Chefs für meinen achtwöchigen Urlaub. Der Termin stand.

Sonja: Was hat für dich persönlich Pilgern mit Glauben zu tun?
Günter: Für mich heißt Pilgern „auf dem Weg sein“ zu mir und zu Gott. Weg von meinem Alltag, von Sorgen und Belastungen.

Wer und was bin ich? Wo will ich hin? Ich habe die Chance, umzukehren von „falschen“ Wegen und mich aufzumachen auf neue Wege und dabei die Kraft gewinnen, dies zu realisieren.

Unterwegs in Gottes Natur sehe ich mich als Teil seiner grandiosen Schöpfung. Auch wenn ich allein auf dem Weg bin –

Er ist bei mir. Ich verbringe diese Zeit exklusiv mit Ihm. Smalltalk und tiefgreifende Gespräche mit meinem Gott, aber auch Zeiten der Stille.

Sonja: Welche Rolle hat dein Glaube bei dieser Reise gespielt?
Günter: Mir war klar, dass Gott mich zu diesem Zeitpunkt auf die Reise geschickt hat. Also hatte er scheinbar etwas vor mit mir. Da ich Ende 2020 in den Ruhestand wechsele, standen für mich Fragen im Raum: Was machst du dann? Wie bzw. womit willst du deine letzten Lebensjahre verbringen? Für mich sind diese Fragen auch eng damit verbunden, wie ich einen Teil meiner neu gewonnenen freien Zeit für die Arbeit in seinem Reich einsetzen kann.
Sicher kann ich die sich aufdrängenden Fragen auch allein durch den Gebrauch meines Verstandes beantworten. Doch was will Gott? Wo sieht er mich? So war „mein“ Camino eine gute Zeit, um mit Ihm darüber zu sprechen – seinen Willen zu erkennen.

Sonja: Wie hast du Gott in dieser Zeit erlebt?
Günter: Gott hat mir während dieser Zeit wundervolle Begegnungen und Gespräche mit anderen Menschen geschenkt.
Egal, ob vor 70 Pilgern bei der Vorstellungsrunde in einer Pilgerherberge oder bei längeren Gesprächen mit anderen Pilgern. Bei der Frage, warum ich auf dem Camino unterwegs bin, sprach ich auch immer über meinen Glauben. So entstanden sehr oft gute Gespräche über den Glauben – selbst mit Pilgern, die sich als Atheisten bezeichneten und einer Jüdin, die keinen Gott mehr hatte, wie sie sagte. Die Menschen waren offen und auf der Suche. Mir machte es richtig Freude, ihnen von Jesus, meinen persönlichen Erlebnissen und meiner Beziehung zu Ihm zu erzählen. Ja ich spürte regelrecht, wie Gott mich in diesen Gesprächen geführt hat. Ich erlebte Gott in der Gemeinschaft mit Menschen aus verschiedenen Nationen, die sich auch ohne gemeinsame Sprache verstanden.

Alles in allem habe ich Gott als den erfahren, der mir Ängste nahm und Mut gab. Mit ihm konnte ich Schwierigkeiten überwinden und mich auf die Erlebnisse und  Begegnungen mit vielen fremden Menschen freuen und darauf einlassen. Für mich als sachorientierten Menschen schon eine gewisse Herausforderung.

 2019-08-23_13-28-38_GS_Camino.jpg Sonja: Gab es besondere Begegnungen mit Menschen, die dich inspiriert haben?
Günter: Schon früh lernte ich Jean-Claude, einen Franzosen kennen. Wir sind oft Teilstücke unserer Etappen gemeinsam gegangen und haben auch sonst Zeit miteinander verbracht. Durch ihn, der schon seit ein paar Jahren als Pensionär lebt, bekam ich einige inspirierende Gedanken für meinen zukünftigen Ruhestand. In einer Pilgerherberge lernte ich Grace und Rose kennen, zwei Christinnen aus den USA. Auf den letzten 100 Kilometern des Camino trafen wir uns täglich in der Unterkunft und verbrachten gemeinsame Abende. Grace inspirierte mich durch ihr visionäres Denken und Rose als Beterin bzw. Fürbitterin. Mit allen Dreien bin ich freundschaftlich verbunden und wir haben auch weiterhin Kontakt untereinander.

Sonja: Immer wieder liest man, dass Menschen auf dieser Reise Abstand zum Alltag bekommen und den Blick für die wesentlichen Dinge schärfen. Hast du ähnliches erfahren?
Günter: Schon nach drei Tagen auf dem Camino wusste ich nicht mehr welchen (Wochen-)Tag wir haben. Ich lebte nur noch im Heute und Morgen. Mir reichte, was ich in meinem Rucksack hatte, auch wenn tägliche Handwäsche der Kleidung angesagt war. Sich Zimmer, Dusche und WC mit vielen anderen zu teilen war zwar nicht komfortabel und auch nicht immer leicht, aber gemeinschafts- und kommunikationsfördernd. Etwa eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang losgehen, täglich den Sonnenaufgang in den Pyrenäen, der Meseta usw. zu erleben, zu Fuß durch die Weite der Landschaft laufen, die Begegnungen und Gespräche mit den anderen Menschen – damit war ich glücklich und zufrieden! Für all dies habe ich Gott jeden Tag gedankt!

Sonja: Was hat dich am meisten an deine Grenzen gebracht?
Günter: Schon ab Burgos hatte ich Probleme mit meinen Füßen, sodass ich die weiteren 21 Etappen nur mit Schmerzen laufen konnte. Täglich habe ich gebetet, dass Gott meine Füße heilt und ich nicht abbrechen muss.

Es gab keine Wunderheilung. Aber ich fühlte mich bei meinen täglichen 20 bis 23 Kilometern von Gott getragen – ich konnte mit erträglichen Schmerzen gehen.

Sonja: Wie war das nach Hause und zurück in den Alltag kommen? Wie hat diese Erfahrung deine Beziehungen beeinflusst?
Günter: Es war schön, nach sechs Wochen wieder bei meiner Frau und im eigenen Haus zu sein. Mein eigenes Bett, das Bad und …? Nichts und – mehr habe ich eigentlich nicht vermisst. Jetzt fehlt mir der Camino – das Laufen durch die Natur, die Begegnungen usw. Am liebsten würde ich mich gleich wieder aufmachen. Wenn ich an meine Pilgerreise denke, fließen schon hin und wieder ein paar Tränen.

Einfluss auf meine Beziehungen haben diese Erfahrungen genommen, weil ich nun schneller Zugang zu Menschen finde als vorher.

Sonja: Inwiefern hat sich deine Beziehung zu Gott durch diese Reise verändert?
Günter: Auf dem Camino hatte ich viel Zeit und damit auch viel Zeit für Gott, die sonst im Alltag fehlt. Dazu die vielen Erfahrungen und Erlebnisse, in denen ich Gottes Wirken erleben durfte. Dies alles hat mein Vertrauen in Gott gestärkt. 

Ich werde mir für meine Beziehungspflege zu Gott auch zukünftig mal längere Auszeiten vom Alltag nehmen.

Sonja: Was waren die drei wichtigsten Erfahrungen auf dem Jakobsweg?
Günter:

 
  • Mit meinem Gott kann ich Ängste überwinden und mit Ihm Ziele erreichen

  • Ich brauche (immer) ein erstrebenswertes Ziel für mein Leben.

  • Ich brauche nicht viel, um glücklich und zufrieden zu sein. 

Ihr Günter Seibert
Verheiratet mit Dorothea, drei erwachsene Kinder, Polizeibeamter, Team.F-Mitarbeiter in NRW