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J A N I N A   K Ü R S C H N E R

Manchmal hilft nur Durchhalten und Abwarten! 

Wir sind die schrecklichsten Eltern…!?

Wie gerne kommen wir schnell ans Ziel oder zum gewünschten Ergebnis. Doch im Lernen, Üben und Trainieren eines guten Lebensstils mit Kindern sind es meist nicht die schnellen Erfolge. Alles hat seine Zeit…

„Ihr seid die schrecklichsten Eltern der Welt. Ich hasse euch“, schreit unser Zehnjähriger mich an, nachdem seine tägliche Medienzeit von vierzig Minuten von mir jäh beendet wurde. Ich muss ihm den Computer mal wieder förmlich aus den Händen reißen.

Verschiedene Taktiken wie: „Ok, noch fünf Minuten!“ halfen auch nicht. Dann kam der Wutausbruch eben fünf Minuten später.

Manchmal habe ich es wirklich satt: Fast jeden Tag Theater mit drei von vier Kindern, die schon Zugang zu Medien haben dürfen.

Seit drei Jahren (als unsere Älteste ein Handy bekam) bin ich nun nicht nur Mutter, Ehefrau, Friseurin und Köchin, sondern auch Polizistin. So komme ich mir langsam vor, denn bei uns gibt es feste Medienzeiten, um einer bevorstehenden Mediensucht unserer Kinder entgegenzuwirken.

Wie gesagt, wir sind schrecklich: Unsere fast 16-jährige Tochter darf drei Stunden am Tag ans Handy oder den Computer und das nicht vor 17 Uhr oder am Wochenende nicht vor 13 Uhr. Die Jungs, zehn und zwölf, dürfen nach 17 Uhr täglich 40 Minuten bzw. eine Stunde an die diversen Medien. 

Das sei natürlich viel zu kurz, finden die Kinder. Und das höre ich täglich. Selbstverständlich dürften alle Freunde und Nachbarskinder länger an den Computer und seien medientechnisch viel besser ausgerüstet als sie selbst. Na klar, denn auf Nachbars Wiese ist das Gras immer grüner… Auch wird über die Kinder kolportiert, wir seien komisch mit unseren medienpolizeilichen Maßnahmen.

Was die anderen Eltern von mir denken, ist mir natürlich nicht ganz egal. Aber als ich gesehen habe, wie unsere Kinder mit den Medien und auch miteinander umgegangen sind, als sie die Freiheit noch hatten, ist mir angst und bange geworden.

Ein typischer Sonntag lief dann folgendermaßen bei uns ab: Beim Frühstück erzählten alle von den Filmen, die sie am Abend vorher gesehen hatten. Beim Anziehen im Bad musste natürlich Musik gehört werden und die ersten wichtigsten WhatsApp-Nachrichten gelesen bzw. die Sprachmemos angehört werden (anscheinend schreibt man als Teenie heute nicht mehr). Auf dem Weg zum Gottesdienst haben die beiden Großen die ganze Fahrt über im Auto am Handy gespielt. Während der Predigt wollten alle Geschwister gern mit ihrem kleinen Bruder in den Kinderraum, natürlich nicht aus Bruderliebe, sondern damit sie dort weiter am Handy spielen konnten. Mir fiel das erstmalig auf, als der Zweijährige allein im Gottesdienstraum nach Mama suchte. Die großen Brüder waren so beschäftigt mit dem Handyspiel gewesen, dass sie nicht mal gemerkt hatten, wie der Kleine ausgebüxt war.

Das war einer dieser Tage, an dem uns als Eltern klar wurde, es muss etwas passieren, wir müssen den Kindern helfen, indem wir ihren Medienkonsum einschränken und ihnen zeigen, wie man besser damit umgehen kann. Sonst wird das Leben zum Spam.

Bei uns im Bad hängt ein Bild mit einem Spruch von Dietrich Bonhoeffer:

„Der erste Gedanke und das erste Wort möge dem gehören, dem unser ganzes Leben gehört.“

Und der erste Gedanke sollte eben nicht der Wetter-App gehören oder den News auf dem Handy. Und wie kann man überhaupt beten lernen, wenn man Stille nicht mehr aushalten kann?

Seitdem wir diese Zeiten eingeführt haben, hat sich manches geändert. Unsere 16-jährige Tochter ist in den Zeiten, in denen sie das Handy nicht benutzen darf, bei uns unten. Sie spricht wieder mehr mit uns, lässt uns teilhaben an ihrem Leben. Mit fast 16! Auch legt sie sich nach acht Stunden Schule um 16 Uhr meist erstmal zum Schlafen ins Bett, weil sie erst ohne Handy merkt, dass sie sehr müde ist.

Unsere Jungs können nun nach der Schule entspannt alles loswerden, was sie beschäftigt, ohne dass wir mit den 750 WhatsApp-Nachrichten der Freunde konkurrieren müssen. Und aus der neuen Langeweile heraus entstehen manchmal so charmante neue Ideen wie: Wollen wir mal ein neues Rezept ausprobieren? Oder „Soll ich mit Maxi im Garten spielen?“ Oder es wird mal freiwillig Klavier geübt und zwar so lange, dass der Klavierlehrer schon scherzhaft zu unserer Tochter sagte: „Du lernst die Stücke ja neuerdings so schnell, hast du kein Handy?“

Aber das Schönste ist, die Kinder reden auch wieder miteinander!

Neulich haben wir unsere Tochter gesehen, wie sie ihrem zwölfjährigen Bruder vorgelesen hat. Da denk ich manchmal, so muss das Leben in „Unsere kleine Farm“ gewesen sein… Klar habe ich als Mutter dadurch natürlich viel mehr zu tun uns muss auch deutlich mehr präsent sein. Allerdings sehe ich auch die Chance, mit den Kindern nun mehr über die Auswahl der Filme und YouTube-Videos zu sprechen, die sie sehen möchten. Und so kann es Freitagabend auch mal vorkommen, dass ich mir diverse Trailer von Filmwünschen der Kinder mit ihnen zusammen anschaue und wir dann entscheiden, was passt und was nicht. Und bei dem Zehnjährigen, der mit Vorliebe Star Wars und ähnliches schaut, hilft dann manchmal eben auch die liebgemeinte Ansage:
„Wähle doch heute mal zwischen ‚Asterix‘ oder ‚Eine himmlische Familie‘“.

Beim letzten Elternabend wurde ich gefragt, wie ich denn verhindern will, dass die Kinder heimlich schauen. Da habe ich kurzerhand alle Handys auf den Tisch gelegt und gesagt: „Wenn ich gehe, dann nehme ich einfach alle Handys mit und die Computer werden eingeschlossen.“

Aber das gelingt nicht immer, so wie unsere Entdeckung im Bett unseres Zwölfjährigen letzte Woche zeigte: Ein kleiner tragbarer DVD-Player mit Monitor (ein Geschenk von Oma und Opa für lange Autofahrten) und ca. 30 DVDs im Bett versteckt, machten uns einmal mehr klar: Wir haben nicht alles im Griff und unter Kontrolle.
Als wir ihn daraufhin zur Rede stellen, verteidigt er sein Handeln noch damit, dass er sein Leben und vor allem die Schule als sinnlos empfindet und die Filme ihn wenigstens kurzzeitig ablenken. Nur eines hat er nicht dabei bedacht: Nach dem Medienkonsum ist die Realität umso härter, man fühlt sich umso leerer. Diese Lektion musste er nun leider auch lernen.

Und ich durfte erkennen:

Ja, Mutter zu sein ist auch heute noch ein Vollzeitjob und hört nicht um 20 Uhr mit der Tagesschau auf. Und Medienerziehung hört auch nicht bei den Kindern auf…

Insofern muss ich manchmal schmunzeln, wenn die Kinder uns bei Tisch ermahnen: „Handy aus beim Essen!“ Recht haben sie.

Ihre Janina Kürschner

Geb. 1973, verheiratet, 4 Kinder, studierte Volkswirtin, war lange als Entwicklungshelferin weltweit unterwegs.
Heute begleitet sie ihre eigenen Kinder in ihrer Entwicklung und unterstützt ihren Mann in der Gemeindearbeit.
Nebenbei schreibt sie Kolumnen und veröffentlicht in Kürze dieses Buch:
Auf Twitter ist sie als @alltagsexpertin unterwegs. Für Fragen oder  Ideen ist sie dort direkt ansprechbar.

Empfehlungen der Redaktion bzw. der Medienpädagogen Astrid und Wilfried Brüning:

- Erlauben Sie Medienkonsum  nicht direkt nach der Schule, da so das Gelernte nicht ins Langzeitgedächtnis abgelegt wird.

- Kommen Sie mit anderen Eltern ins Gespräch, mit Freunden oder am Elternabend in der Schule. Viele kämpfen mit den gleichen Auseinandersetzungen und sind froh, wenn es thematisiert wird.  Alle fühlen sich hilflos, dem starken Druck der Medien etwas entgegenzusetzen. Eine gemeinsame Elternmeinung hat mehr Gewicht. Und nur so kann man das alte Argument entkräften: Das machen doch alle!

- Das Ehepaar Brüning empfiehlt, Medien in der Architektur unseres Familienhauses unterbringen, da können alle kreativ mitdenken, z. B. in welchem Raum die Familie ohne Medienunterbrechung zusammen ist, was medienfreie Zeiten sein sollten, ab wann die Geräte abends zentral in der Handygarage untergebracht werden (was natürlich auch für Mama und Papa gilt), u. a.