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H E I D I   G O S E B E R G

Im Tal nimmt man Freude nicht mehr wahr! 

Auch wenn man eigentlich anders gestrickt ist.

Meistens war ich kein Kind von Traurigkeit, bis dann plötzlich eines Tages keine Freude mehr aufkommen wollte. So ein Wechsel vollzieht sich langsam und oft unmerklich.

Freude – ein Gefühl?
Ja sicher, ein schönes noch dazu. Wenn ich vor Freude übersprudele, es mich nicht mehr auf dem Stuhl hält, wenn ich schier platzen könnte oder vor Freude die ganze Welt umarmen möchte oder mindestens jeden, der mir an diesem Tag über den Weg läuft… alles das gehörte so zu meinem Leben.

Der Volksmund hat schon Worte gefunden für ein echt starkes Gefühl. Doch wir wissen alle,

konservieren kann man das nicht. Selbst wenn die schöne Situation andauert, nimmt die Intensität des Gefühls langsam ab und man nähert sich wieder dem Boden der Tatsachen.

Kurzes Glück? Und dann drückt wieder die Schwere des Lebens?

Oft erfährt man erst in einer schwierigen oder bedrückenden Situation, dass dies nicht der tiefere Sinn von Freude ist. So ging es mir vor vielen Jahren, als es von allen Seiten eng wurde und eine Änderung meiner Lebenssituation sich nicht abzeichnete. Die Ernüchterung darüber und meine Traurigkeit, dass alles, was mich so traurig machte, außerhalb meines Einflussbereiches lag, machten bald einer depressiven Stimmung Platz.

Das traf mich mit voller Wucht in der Vorweihnachtszeit, die für mich immer eine der schönsten im ganzen Jahr war und in der man eigentlich allen Grund hat sich zu freuen.

Lange weiß ich, dass genau zu Feiertagen viele Menschen ein emotionales Tief erleben, weil die Lebensumstände eigentlich keine Freude hergeben. 

Ich wollte es für meine Familie schön machen und fühlte mich absolut nicht in der Lage dazu. Immer hatte ich so viel zu geben und nun fühlte ich mich so leer. Wollte für ein warmes und festliches Zuhause sorgen und wäre am liebsten weggelaufen.

Erholsamer Schlaf stellte sich über Wochen nicht mehr ein. Jeden Abend las ich so lange in den Psalmen, bis mir die Bibel aus der Hand fiel und wurde danach oft sofort wieder wach. Erschöpfung, Unruhe, Appetit-  und Hoffnungslosigkeit begleiteten mich durch den Tag und die Nacht. Meine Lebensfreude stellte sich nicht nach einer Zeit wieder ein wie sonst oft und so machte ich mich im Wort Gottes auf die Suche nach Hinweisen zum Stichwort Freude, es finden sich ja genug!

Hängen geblieben bin ich bei Nehemia. Diese Geschichte schildert den Zustand der übrig gebliebenen Juden nach ihrer Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft. Der kleine Überrest versammelte sich in den Trümmern Jerusalems, die Stadttore verbrannt, das Ausmaß der Zerstörung vor Augen, zutiefst traurig, bedrückt, hoffnungslos. Mitten in diese traurige Situation läuten Nehemia und Esra die Wende zur Wiederherstellung der Mauern – des Schutzes – Jerusalems ein (Kap. 8):

„Weint doch nicht, seid nicht länger traurig,
denn die Freude am Herrn ist eure Stärke!
 

Freude - eine Haltung?

Langsam dämmerte mir, dass ich zwar ein lebensfroher Mensch bin, dieses Gefühl Freude aber doch sehr zerbrechlich und anfällig ist und in den Stürmen des Lebens leicht baden geht.
 

So einiges fiel mir in diesem Zusammenhang wie Schuppen von den Augen:
  • Ja, ich bin traurig und gerade ohne Perspektive. So schwer mir gerade ums Herz ist, gibt es aber doch noch viele Menschen, denen es viel schlechter geht. 
  • Ich fühle mich schutzlos und ausgeliefert – aber sind das realistische Gefühle? Sicher, meine Lebensumstände sind gerade so wie sie sind und eine Änderung oder Entspannung kaum in Sicht. Was kann ich tun, damit die Traurigkeit nicht die Oberhand in meinem Leben behält? 
  • Der kleine Rest vom Volk Israel hatte eine schwere Zeit hinter sich. Krieg, Gefangenschaft, hohe Verluste in den Familien und Stämmen, ihr Land verwüstet, die Heilige Stadt zerstört – wahrlich kein Grund, sich über irgendetwas zu freuen – oder? Doch wenn man den Blick über diese aktuell belastende Situation hinaushebt, wenn man dankbar wird für das was noch ist und schaut, was noch geht… dann könnte sich ganz zart am Himmel ein Hoffnungsschimmer abzeichnen, dass nach dem Tal auch wieder Gipfelglück erreichbar ist!
  • Trotz aller Niedergeschlagenheit gibt es in meinem Leben noch viele Gründe, mich zu freuen und dankbar zu sein. In der Rückschau würde ich meinen damaligen Zustand nicht als undankbar oder unzufrieden bezeichnen, sondern einfach mit einem nicht ganz realistischen Blick auf meine Situation: Ja, es lief vieles nicht wunschgemäß, die Umstände waren schwierig und ja, ich war an der Grenze zur Überforderung und Erschöpfung, Grund zur Freude bot mir das Leben gerade nicht… aber ich konnte realistisch noch ganz viel tun, um nicht in diesem Tief zu bleiben.
Ich habe sofort jeden Tag mit diesem Bekenntnis begonnen: „Vater im Himmel, ich fühle mich traurig und schwer und ohne Perspektive, aber ich weiß, dass dein Wort wahr ist und Macht hat, mein Leben zu verändern. Ich danke dir, dass die Freude in dir heute meine Stärke ist – ganz gleich, was mir heute begegnet!

Es half ja nicht, meine Gefühle zu leugnen, die Situation war bescheiden, aber langsam keimte auch wieder Hoffnung auf. 
Das war mehr als positives Denken! 

Mit dem Wort Gottes habe ich bekannt, dass nicht die schwierigen Umstände in meinem Leben die größte Macht sind, sondern seine Zusage, die er sehr konkret in meine Situation gesprochen hatte.

Langsam begann ich, die vielen kleinen Freuden und Glücksmomente in meinem Leben wieder wahrzunehmen und – sofort! – Gott dafür zu danken. Davon gab es genug! Doch hat das bei weitem nicht sofort alle meine Gefühle auf Freude umgestellt. 

Es gibt nicht den berühmten Schalter zum Umlegen. Ich war gefordert, meine Blickrichtung zu verändern, Gottes Wort in meinem Leben zu bekennen, dass so die Gedanken, die mein Herz schwer machten, langsam von hoffnungsvollen verdrängt wurden. Es war ein Weg, viele kleine Schritte.

Begleitet von vielen guten Erfahrungen, aber auch von Rückschlägen. Aber jeden Tag ein Stück mehr Boden unter den Füßen. Und mag es auch noch so trübe aussehen, ich will mir den Blick für die kleinen Freuden und Lichtblicke im Alltag erhalten.

Das liegt lange zurück, aber alles das steht mir bis heute so deutlich vor Augen und das möchte ich auch in meinem Leben nicht mehr vergessen, weil ich etwas so Wichtiges gelernt habe. 

Ich bin den Umständen und auch meinen schweren Gedanken und Gefühlen nicht ausgeliefert.

In den folgenden Jahren habe ich in Seelsorge und Beratung einige Lecks in meiner Seele aufgespürt und mit Gottes 

Hilfe eingefallene und eingerissene Schutzmauern wieder aufbauen können. So sind es gerade auch die schwierigen Erfahrungen meines Lebens, die meiner Lebensfreude eine neue Qualität gegeben haben.

Ich weiß auch, dass es für manche tiefe Niedergeschlagenheit keine leichten Antworten gibt und Menschen dann ärztliche oder Hilfe in der Beratung brauchen. Gute Adressen dazu findet man u.a. auf unserer Homepage Beratersuche

Gerne drücke ich es in diesem Lied aus, was ich erlebt habe:
„Freude übersprudelnd, heilender Lebensquell…“

Die Freude in Jesus ist echt, erlebbar und heilsam!

Heidi Goseberg