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C H R I S T I A N   S I E G L I N G

„Ein schöner Platz!“ 

Die Entdeckung der Achtsamkeit

Diesen Spaziergang habe ich noch sehr präsent in Erinnerung. Wir waren mit einer Gruppe von Teilnehmern zu einem Spaziergang während einer „Auszeit-Woche“ für HSP („highly sensitive persons“ – auf Deutsch: hochsensitive Menschen) im Allgäu aufgebrochen. 

Der Mitarbeiter, der während dieses Spaziergangs für den Impuls „Achtsamkeit“ verantwortlich war, stoppte die Gruppe mitten im Wald an einer für meine Begriffe wirklich ungünstigen und sehr blöden Stelle: Der Weg war relativ schmal, nach wenigen Metern Hochwald fing ein Fichten-Dickicht an und die fantastische Aussicht, die sich schon ein paar hundert Meter weiter auf die Vorläufer der Alpenkette ergeben hätte, blieb uns an dieser Stelle verwehrt. Ich spürte, dass Ärger in mir aufstieg.

Umso verwunderter war ich, als er seinen Impuls dazu noch mit den Worten einleitete: „Dies ist ein schöner Platz!“ Ich grummelte in mich hinein: „Na, wenn es einen schönen Platz gäbe, dann gehört der hier sicherlich nicht dazu!“ Und: „Ein paar hundert Meter weiter, ja, da wäre ein schöner Platz gewesen, aber der hier ist es ganz bestimmt nicht!“

Aber ich ließ mich natürlich – so wie die anderen Teilnehmer auch – auf den Impuls ein und folgte seinen Worten.
Er bat uns, unsere Blicke zunächst auf die unmittelbare Umgebung zu richten. Wer hätte die kleinen Blümchen am Wegesrand wahrgenommen? Die übrigens nur hier wachsen, weil sie sehr windanfällig sind und durch das Dickicht der Wind nicht durchkommt.

Als wir das Wegstück direkt vor unseren Füßen anschauten, erkannten wir auch die Ameisenstraße, die ganz knapp vor der Gruppe den Weg querte. Ich bin mir sicher, wir wären achtlos darüber gegangen, nun war unsere Achtsamkeit beim Weitergehen darauf gerichtet. Wir verfolgten aufmerksam den Weg der Ameisen und konnten hinter einem der nächsten Bäume auch den dazugehörigen Ameisenhaufen erkennen.

Als wir unsere Blicke nach oben wandten, sahen wir schließlich noch ein Spechtloch an einem Baum. 
Der Impuls-Verantwortliche bat uns, einen Moment still zu sein und zu lauschen, was wir im Wald hörten. Da waren eine ganze Menge Geräusche, denen ich vorher keine Beachtung geschenkt hatte, die aber nun wirklich verschieden, geheimnisvoll, anregend und zum Hineinspüren anregten. Saftige Moospolster unter unseren Füßen verströmten einen typischen Geruch, den wir mit unserer Nase einsogen. 

„Wow!“ dachte ich: Michael hat Recht. Was für ein schöner Platz! Wieso habe ich das nicht gleich gesehen?

Als wir weitergingen, war ich felsenfest davon überzeugt, dass dieser Ort wirklich ein besonderer Platz ist.

Wir achteten natürlich alle darauf, dass wir so gut es ging nicht die Ameisen zertraten.

In mir breitete sich die Erkenntnis aus, dass mir das alles entgangen wäre, wenn ich in der Erwartung auf „meinen schönen Platz“ mit der mir bekannten schönen Aussicht einfach nur vorbeigehastet wäre.

Ich – und ich glaube auch viele andere sind in dem Bewusstsein zurückgegangen:

Ein schöner Platz kann überall sein, wenn ich achtsam mit mir und meiner Umgebung bin, die kleinen Dinge wahrnehme, bereit bin, innezuhalten, in mich hineinzuspüren und meine Perspektive zu verändern.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen heute achtsame Momente.

Gerne laden wir auch auf unseren Seminaren immer wieder dazu ein, achtsam mit uns selbst, unserem Partner, unseren Freunden und unseren wichtigsten Beziehungen umzugehen. 

Wir freuen uns darauf, solche Momente mit Ihnen zu teilen!

Ihr Christian Siegling