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S A B I N E   P I E K E N B R O C K

Zu zweit beim Inder und doch allein 

Der Einfluss von Medien in unserer Ehe 

Die neuen Technologien – das ist ein Thema zwischen mir und meinem Mann Peter. Für ihn zur Freude, für mich zum Leid.

Wer in unser Wohnzimmer kommt, könnte denken, er sei in einem Vorführraum für Filme: Natürlich besitzen wir seit langem eine Leinwand und haben einen Beamer an der Decke hängen. Wo andere dekorieren, oder auch nicht, gibt es bei uns Kabel, Kabel, Kabel und elektrische Geräte.

Zeit zu zweit beim Städte-Trip
Die Geschichte, die ich heute erzählen möchte, findet weit weg von unserem Wohnzimmer in der Millionenmetropole Köln an einem warmen Sommertag statt: wunderbar! Urlaub… endlich Zeit zu zweit. Davon träume ich schon seit Wochen.

Der geschäftige Alltag bietet bei uns nur Zweisamkeit in homöopathischen Dosen und für mich, als beziehungsorientierter Typ, bleibt so einiges an wohltuendem Miteinander auf der Strecke. 

Zu sehr ist der Alltag geprägt vom Abarbeiten von Terminen, getrennten Aufgabenbereichen, aneinander vorbei hetzen und Spannungen, weil wir die gegenseitigen Befindlichkeiten nicht beachten. 

Und nun sind Peter und ich vier Tage im Urlaub in Köln – in der Wohnung unserer Tochter, die gerade die Flitterwochen in Kolumbien verbringt – das wird super! Muss es auch werden, denn die Wochen davor liefen unter dem Motto: „Das ziehst du noch durch, das hältst du noch aus, bald haben wir Urlaub!“ Ganz bewusst haben wir uns weder ein Sightseeing-Programm vorgenommen, noch Shop-Till-You-Drop, obwohl das Angebot dieser Großstadt sehr verführerisch ist.

Wir Landpomeranzen in Köln stellen bereits am ersten Tag fest: Die Küche bleibt kalt, es gibt in Köln nichts, was es nicht gibt und das 24 Stunden am Tag! Herrlich! Wir müssen nicht planen, nicht einkaufen, nicht abwaschen und nichts wegräumen und werden doch essen können, was das Herz begehrt. Zu Fuß erobern wir das Belgische Viertel, genießen die Sonnenstrahlen, laufen durch belebte Straßen, stöbern durch die Flohmarkt-Lädchen, wo für mich eine schöne Halskette hängen bleibt und mein Mann sich in ein Sammelsurium von nostalgisch anmutenden Schnapsgläschen vertiefen kann, ohne ein Ende zu finden. So wie wir durch die Stadt schlendern, schlendern wir durch den Tag und plötzlich ist Abendessenszeit. Nachdem unser Mittagessen vor lauter Impressionen der Großstadt ausgefallen ist, verspüren wir einen Riesenhunger und mein Mann lässt sich in seiner Urlaubsstimmung sogar zum Inder überreden. Mein Herz macht einen Freudensprung. Ja, das ist Urlaub!

Ein schöner Tagesausklang beim Inder
Das indische Restaurant ist ganz schnuckelig, zum Glück nur in gedämpftem Maß ausgestattet, wie man es in Bollywood erwartet, aber ein Bildschirm hängt dennoch an der Wand. Glücklicherweise werden die Blicke von Peter nicht angezogen, denn es läuft kein Sport sondern eine Endlosschleife „Kochen in Indien“. Einem netten Abend zu zweit mit gutem Essen steht nichts mehr im Wege. Ich freue mich auf einen schönen Abschluss eines angenehmen Urlaubstages.

Die Bedienung ist super freundlich, sieht uns wohl an, dass unser Magen auf dem Boden schleift und bringt uns gleich mal ein Körbchen mit Brot und ein paar Dips zum Tunken. Hervorragend! Zum Trinken bestellen wir uns Anti-Alkoholisches, denn wir wissen, beim Inder gibt es Durst, da kippt sich das Getränk zu schnell weg als dass es Bier oder Wein sein dürfte. Wir wollen den Nachhauseweg ja noch finden.

Wenn da nicht dieses Handy wäre
Nach dem Bestellen hat unser Blick Gelegenheit umherzuschweifen und wir stellen fest: viele Inder!  Wo sich die Einheimischen sammeln ist das ein Zeugnis von guter Qualität in der Küche, meinen wir und freuen uns auf die leckeren Speisen, die wir bestellt haben. Ich hänge ein wenig meinen Gedanken nach und überlege, was wir miteinander reden könnten, da hat mein lieber Mann gegenüber schon sein Handy gezückt. Er habe eine WhatsApp-Nachricht bekommen. Der Schwiegervater unserer Tochter sei gerade online, das müsse man ausnutzen, denn er sei nicht so fit in den neuen Technologien und nutze das Handy eher sporadisch. Er fragt an, wie es sich so wohnen lässt in der Wohnung seines Sohnes und natürlich tippt Peter mit einem belustigten Lächeln die Antwort in das Gerät. Mein Mann hat eine gute Portion Humor und kann echt witzige Texte  verschicken und dabei hat er selbst noch Spaß und freut sich wie ein kleines Kind über die eigenen Sprüche. Ich sitze reglos dabei. Nachdem der Schwiegervater „abgefrühstückt“ ist, guckt er noch schnell, welche Wege wir heute in Köln gelaufen sind, wie viele Kilometer, an welchen Geschäften wir vorbei gekommen sind, die wir noch mal besuchen müssen, weil es da interessante Dinge gab. 

Es dauert für mich doch recht lange und ich sitze schweigend und gelangweilt da, nippe zwischendurch an meiner Fanta und bilde mir ein, dass ich das Wichtigste im Leben meines Mannes bin. Denn ich bin ja seine geliebte Frau, mit der er sich vor über 30 Jahren entschieden hat, das Leben zu teilen. Während Peter begeistert in sein Handy guckt (welche Möglichkeiten!), noch schnell die E-Mails checkt (gerade gutes W-LAN!) und immer mal wieder einen kurzen, undefinierbaren Laut von sich gibt, ist bei mir der „Gute-Laune-Pegel“ im Sinken begriffen. Zaghaft rufe ich seinen Namen über den Tisch und höre als Antwort: „Kleinen Moment noch.“ Und dann wieder Stille. In der Zwischenzeit habe ich Gelegenheit, um mich zu blicken und ich beneide die Paare an den anderen Tischen, die miteinander reden und fröhlich lachen. Von „Wir hatten bereits einen schönen Tag.“ über „Vermutlich bin ich zu ungeduldig.“ zu „Ich schmeiß das Ding gleich an die Wand!“ gehen mir Gedanken durch den Kopf. Ganz klar: 

Ich bin eifersüchtig auf das kleine schwarze Kästchen, auf das immer alle Antennen meines Mannes ausgerichtet sind, das mir den Rang um Längen spielerisch abläuft und mehr Aufmerksamkeit über den Tag erhält als ich.

Wozu habe ich mich hübsch gemacht? Ich wäre auch mit einem Stück Brot zu Hause zufrieden gewesen. Da hätte ich wenigstens mein Buch weiterlesen können. Der Abend ist gelaufen.

Wir kommen in der Wohnung an und auch ein kleiner Plausch unterwegs in einer Cocktailbar vermag nichts mehr zu retten. Ich bin abgekühlt. Peter traut sich tatsächlich, mir ganz unbefangen unmissverständliche Avancen zu machen als sich die Wohnungstür hinter uns schließt. Er hat die Missstimmung bereits beim Inder hinter sich gelassen, aber ich bin immer noch brüskiert und frage: „Wie wäre es denn mit Reden?“

Ja, wir haben Redebedarf

Auch nach 30 Jahren Ehe gibt es immer wieder Situationen, in denen klar wird, dass Absprachen nötig sind. 

Also reden wir. Denn weder Peter noch ich möchten so einen schönen Tag dem Handy opfern. Aber es ist passiert.

Während Peter das Gefühl hatte, dass es doch nur wenige Minuten waren, die verzeihlich sind, wurde bei mir offensichtlich ein Knopf gedrückt, der ein ganzes Szenario an Gefühlen hervorgerufen hat, die mein Gefühl von „Wertvoll-sein“ torpediert haben. 

Da Peter mich liebt, war das für ihn überhaupt keine Absicht.

Erst beim miteinander reden, haben wir gemerkt, wie sehr ich seine ungeteilte Aufmerksamkeit brauche, um mich wohl zu fühlen und das Handy als Konkurrenz betrachte. 

Ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass von da an alles besser wurde. Es war ein kleines Stückchen auf dem Weg zueinander und zu einem guten Miteinander. Immer wieder tauchen im Alltag Situationen auf, die uns an die gleiche Stelle führen.

Da ist Aussprechen und Vergeben angesagt und nicht nur Peter hat den Auftrag an sich zu arbeiten, sondern auch ich. 

Wir wissen, dass Gott uns so lange in solche Situationen bringt, bis wir den Lernauftrag erfüllt haben. Und wir wissen, dass uns das gemeinsame Ringen um die Versuchungen der neuen Technologien, sei es Handy, Computer oder immer noch der gute, alte Fernseher, letztendlich näher zueinander bringt. Gott sei Dank!

Ihre 

Sabine Piekenbrock
Verheiratet, drei erwachsene Kinder, Team.F Seminarleiterin